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Kapitel 7
Kalte Schauer, Eimer voll Eis, die über seinen Kopf geleert wurden, ein ganzer arktischer oder antarktischer Gletscher, der über ihm zusammenbrach, eine Lawine von gigantischem Ausmaß, die ihn von seinen Füßen riss und tief in ihrem eisigen Inneren begrub... All diese Vergleiche, wenn sie auch recht zutreffend waren, würden nicht einmal entfernt beschreiben, was Severus in diesem Moment fühlte. War das alles, was das Mädchen in ihm erblicken konnte? Konnte sie nicht daran vorbeisehen, wenigstens jetzt, zu... Beginn? Er hätte es erklärt; in Wahrheit hätte er sich danach gesehnt, es zu erklären, aber später. Das war nicht die Art von Geständnis, die man gegenüber einer fast noch Fremden während der ersten Strahlen des Morgenrotes an einem Spätsommertag machte. Diese Schrecken konnten nur in die Haut einer Geliebten gewispert werden, an dem empfindlichen Punkt, wo der Hals auf die Schultern traf, während sie zusammen in der Dunkelheit lagen, in einer leidenschaftlichen Umarmung, satt und süß und einander sicher. Aber es hier zur Sprache zu bringen, draußen auf den Treppenstufen...
Er erhob sich, taumelte kurz und griff nach dem steinernen Treppengeländer, um sich festzuhalten. Es war rau und kühl. Real. Ein bisschen beruhigend vielleicht. Ohne ein weiteres Wort, drehte er sich um und ging ins Haus.
Sie sah ihn gehen, ihre Hand noch immer vor den Mund geschlagen, unfähig eine einzige Silbe zu äußern, ihre Augen so weit aufgerissen, dass sie schmerzten. Ihr Verstand war ein Wirbel aus Gedanken und Emotionen. Warum habe ich gesagt oh Gott er geht geh ihm nach nein lass ihn in Ruhe oh Gott was habe ich getan er wird mich hassen mir war nicht bewusst dass ich es laut gesagt habe oh Gott da geht er wird mich hassen wenn ich nur einen Zeitumkehrer hätte Hermine du verdammter Dummkopf wie konntest du du hast ihn verletzt du Idiot du hast ihn verletzt er ist weg er wird mich nie wieder ansehen.
Und dann verließ sie die Starrheit und die Tränen begannen zu fließen und dann fingen die Schluchzer an sie zu schütteln, gewaltsam, sogar brutal. Warum, oh warum musste sie so sein? Unüberlegt, dummdummdumm! Was hatte es für einen Sinn brillant zu sein, wenn man eine gesellschaftliche Niete war? Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen, sich verzweifelt nach einem Ort sehnend, an dem sie sich verstecken konnte, um darunter zu kriechen, zu verschwinden, möglichst für immer... Die Hände boten nicht genug Schutz, und so drückte sie ihr Gesicht gegen ihre Knie, umarmte sie, rollte sich zu einem festen Ball zusammen und schaukelte vor und zurück...
Eine sanfte Hand berührte ihre Schulter: "Miss Granger!"
Cassandra Snape blickte auf das Häufchen Elend zu ihren Füßen herab und seufzte. Was um alle Welt war hier draußen passiert? Sie war von dem Geräusch einer Tür, die zugeschlagen wurde, buchstäblich aus ihrem Schlaf katapultiert worden, und war aufgestanden um zu sehen, was diesen schändlichen Krach verursacht hatte. Unten war sie auf eine sehr aufgeregte Piggy gestoßen, die ihr erzählt hatte, dass "Master Severus ist nur an mir vorbeigerannt, sah so wütend aus und hat sich in sein Labor zurückgezogen und sagt, er darf nicht gestört werden". Wunderbar, dachte sie. Überlass diese Kinder einige Minuten sich selbst und sie werden alles in die Luft jagen, wenn auch nur im übertragenen Sinne.
Sie beugte sich abermals herunter und drückte Hermines Schulter: "Miss Granger, sagen Sie mir, was passiert ist."
Das Häufchen schüttelte den Kopf. "Gehen Sie weg!"
Ein Lächeln huschte über Cassandra Snapes Gesicht. Wäre es nicht gegen die Familientradition gewesen, die praktisch verbot, noch mehr Kinder zu haben, sobald der männliche Erbe geboren war, hätte sie gern mehr als ein Kind gehabt und, wenn möglich, eine Tochter. Natürlich, Severus war die Erfüllung all ihrer Wünsche gewesen, zumindest bis zu einem bestimmten Zeitpunkt... Aber eine Tochter wäre anders gewesen, jemand der ihr selbst ähnlicher war, festzuhalten und zu beschützen war, mit dem man Dinge teilen konnte, Dinge, die unmöglich mit einem Ehemann oder Sohn geteilt werden konnten. Eine Tochter, so stur wie Severus, die sich vielleicht in Kümmernis zusammengerollt hätte und ihr ein gedämpftes, verzweifeltes "Geh weg!" entgegengeschleudert hätte. Um die Wahrheit zu sagen, wusste sie nicht einmal, ob sie dieser Tröster-Aufgabe gewachsen war. Ihr Mann war einer von der Art gewesen, die niemals in Gegenwart einer Frau geweint hätten und Severus war immer ziemlich selbstständig in Gefühlsangelegenheiten gewesen. Das hier war beinahe ein erstes Mal. Sie würde es einfach versuchen müssen. Wenn man die Stimmung betrachtete, in der sich Severus augenscheinlich gerade befand, bestand keine Gefahr, dass er sein Labor in der nächsten Zeit verließ. Also gab es kein Risiko, dabei überrascht zu werden, wie sie das Mädchen tröstete.
Sie rief Piggy herbei, damit sie das Tablett entfernte, schob Severus' Polster näher zu Hermine, ließ sich neben ihr nieder und legte einen Arm um ihre Schultern. Götter, das arme Ding zitterte am ganzen Körper!
"Hermine,", sagte sie vorsichtig, "ich denke Sie sollten versuchen mich anzusehen.".
Heftiges Kopfschütteln, braune Locken flogen durch die Luft.
"Bitte, Hermine. Ich mache mir große Sorgen und wüsste gern was geschehen ist. Kommen Sie-", und sie löste Hermines Finger vorsichtig von ihren Knien, "-Sie können nicht ewig so sitzen bleiben. Ich möchte Ihnen helfen, aber Sie müssen es mir erzählen.".
Endlich hob Hermine ihren Kopf. Mrs. Snape musste ein Lächeln unterdrücken - das arme Mädchen hatte definitiv ihr Gesicht ruiniert. Die Nase war geschwollen und rot, die Augen blutunterlaufen, die Lippen praktisch konturlos, Haare klebten über Stirn und Wangen. Wer auch immer behauptete, dass es leicht war, jung zu sein, verdiente eine sofortige Exekution.
"Na also, das ist besser", meinte sie, zauberte ein blendend-weißes Seidenrechteck aus der Tasche ihres Morgenmantels und gab es Hermine.
Hermine betrachtete es zweifelnd. "Nicht dieses!", krächzte sie, neue Tränen wallten auf. "Es ist zu-"
"Unsinn!", unterbrach sie die ältere Hexe schroff. "Nehmen Sie es und, um Merlins Willen, benutzen Sie es."
Sie beobachtete wie Hermine pflichtgetreu ihre Nase putzte und sich die Augen trocknete und strich mit ihrer freien Hand einige Haarsträhnen hinter die Ohren des Mädchens zurück.
"Und jetzt, da wir diesen wichtigen ersten Schritt so erfolgreich gemeistert haben, erzählen Sie mir, was geschehen ist, das euch beide so sehr aus der Fassung gebracht hat."
Hermines Augen weiteten sich und füllten sich sofort wieder mit Tränen: "Ist er... hat er..."
Ein weiterer Anfall von Schluchzern. Mrs. Snape seufzte: "Ja, er scheint furchtbar aufgewühlt zu sein. Und Sie sind es auch. Aber angesichts der Tatsache, dass Severus sich in seinem Labor vergraben hat und in Anbetracht dessen, dass noch nicht einmal mir danach ist, ihm gegenüberzutreten, wenn er in dieser Stimmung ist, sind Sie meine einzige Informationsquelle.".
Hermine presste ihre Lippen zusammen und schüttelte ungestüm ihren Kopf.
"Hermine, Engelsgeduld ist nicht gerade einer meiner herausragendsten Charakterzüge."
Hermine kaute auf ihrer Unterlippe und schickte ihr einen sehr unsicheren Blick: "Denken Sie... Könnten Sie vielleicht fragen?"
Eine dunkle Augenbraue schoss nach oben: "Ich hatte den Eindruck, dass ich jetzt schon seit einer ganzen Weile Fragen gestellt habe."
"N-nein, das ist es nicht, was ich meine. Ich meine Sie fragen ‚Haben Sie das getan' und ich sage ja oder nein."
Cassandra Snape seufzte und rollte ihre Augen in einer Mischung aus Qual und Amüsement. "Beinhaltet Ihr Wortschatz das Wort 'Reife', Hermine? Wenn das nicht das lächerlichste-"
"Es würde helfen", sagte Hermine kleinlaut.
Ein weitere Seufzer, dieses Mal begleitet von einem Lächeln. Vielleicht war es das, was Mädchen brauchten. Vielleicht war es ihr Glück, dass sie keine Tochter hatte. "Also gut. Haben Sie ihn geohrfeigt, weil er irgendetwas... äh, Unpassendes versucht hat?"
Großäugiges, unschuldiges Starren: "Nein! Wieso sollte ich?"
Jetzt lachte sie: "Danke, Hermine, das war unbezahlbar. Nun gut, dann eine andere Frage. Haben Sie ihn beleidigt?"
"Nein… nicht wirklich, ich meine, ich... nein, ich vermute ‚beleidigen' beschreibt es nur sehr ungenau."
Mrs. Snapes Augen verengten sich, als ein furchtbarer Verdacht in ihr aufkeimte. Im Grunde gab es nicht so viele Dinge, die Severus in solch eine Wut versetzen konnten... eigentlich sehr wenige... "Hat es etwas mit seiner Vergangenheit zu tun?" Ihr Verdacht wurde von einem fast unmerklichen Nicken bestätigt: "Oh, gütiger Himmel... Sie haben nicht... Sie haben ihn nicht gefragt-"
Kein Grund weiter nachzuforschen. Das Mädchen warf beide Arme um sie und schluchzte verzweifelt. Wieder. Oh, Merlin. Das war schlimm. "Nun gut", sagte sie, während sie ihre Arme um Hermine schlang, "das war eines der dümmsten Dinge, die Sie hätten tun können. Aber-", und sie streichelte den Rücken des Mädchens, "wenigstens ist es jetzt aus der Welt. Es hat keinen Sinn über verschüttete Milch zu klagen, meine Liebe. Lassen Sie uns frühstücken, dann müssen wir die Angelegenheit nicht auf leeren Magen diskutieren."
"Bitte", murmelte Hermine in ihre Schulter, "bitte, ich möchte einfach nur gehen."
"Nein, nein, meine Liebe. Das ist völlig ausgeschlossen. Sie können nicht einfach meinen Sohn unglücklich machen, ganz zu schweigen von Ihnen selbst, und mir dann den ganzen Schlamassel vor die Füße werfen. Außerdem", fuhr sie fort, während sie aufstand und Hermine mit sich nach oben zog, "wären Sie äußerst unzufrieden mit sich selbst, oder? Das Ergebnis dieses beklagenswerten Morgens, könnte ein kompletter Fehlschlag sein, aber nicht zwingender Weise. Die Dinge geschehen selten genau so, wie wir sie uns in unserem Geiste ausmalen."
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